FRAGE

Nun habe ich mich direkt ins Unterrichten gestürzt und schon sind die ersten Fragen aufgetaucht:
In einem Kurs habe ich seit letzter Woche eine Frau mit körperlichere Behinderung: Polio. Sie wollte sehr gerne Yoga machen, meinte aber, sie könne das nicht, wegen ihrem steifen Bein. Ich habe sie eingeladen, es auszuprobieren, und
trotz ihres gelähmten Beines hat sie mit Schiene fast alles mitgemacht :) und möchte sehr gerne wiederkommen. Der Sonnengruß ging allerdings sehr schwer und bedarf noch Abwandlung. Da ist die körperliche Behinderung momentan noch eine Bremse.

Bei ihr ist ein Bein gelähmt und sie hat eine Schiene bis an das Gesäß. Sie kann das Bein nicht bewegen, spürt aber damit und die Muskeln kann sie zum Teil anspannen (da muss ich noch genauer nachforschen, welche genau), dann fangen sie aber gleich an zu flattern. Sie läuft ohne Krücken.

Hast Du Erfahrung mit Menschen mit körperlicher Behinderung bzw. Polionauten? Ist es besser mit oder ohne Schiene Yoga zu machen? Ich habe nur einen Beitrag auf Youtube gefunden, (https://www.youtube.com/watch?v=qcj__bkpAZw) er yogiert ohne Schiene, macht nach langer Übung aber die ganze Grundreihe. Ich habe mir allerdings gedacht, dass bei “Untrainierten” dann vielleicht eher die Gefahr besteht, umzufallen?

Ich würde mich gerne mit ihr einmal außerhalb der Yogastunde treffen, um herauszufinden, was genau möglich ist und um die Reihe auf sie abzustimmen, sodass sie im Kurs (9-10 Schüler) mitmachen kann. Gibt es bestimmte Dinge, auf die ich besonders achten muss, oder Übungen, die man vielleicht unterlassen sollte? Ich bin noch dabei, mich über Polio zu belesen.

Eine sehr spannende und schöne Aufgabe, wie ich finde.

Körperliche Behinderung und Yoga passen sehr gut zusammen!-kl

ANTWORT:

Das klingt sehr gut, und deine Gedanken führen dich auf den richtigen Weg. Ja mache mit ihr 1-2 Einzelsitzungen um die Übungen individuell an sie und ihre körperliche Behinderung anpassen zu können. Es ist wichtig, das sie dem Fluss der Stunde selbständig folgen kann, dazu muss sie wissen wie es geht. Das hilft auch Zuhause zu üben, Kontinuität ist wichtig.

Mit Polio’s habe ich bisher keine Erfahrungen (soweit ich mich erinnere, bin mir grad aber nicht sicher, ob doch welche dabei waren), aber auf jeden Fall mit anderen Menschen mit körperlicher Behinderung: MS-Patienten, Myopathie und vielen anderen, die krankheitsbedingt ebenfalls ihren Körper nicht mehr richtig beherrschen können. Viele von ihnen sitzen im Rollstuhl. Dabei habe ich gelernt, das oft Erstaunliches möglich ist, wenn sie es nur tun. Meist habe ich nach kurzer Zeit des gemeinsamen Übens aus dem Staunen nicht mehr herausgefunden, und bin heute noch von den vielen begleiteten erfolgreichen Entwicklungen beeindruckt und begeistert.

Ich denke es ist gut mit ihr beides zu üben: mit und ohne Orthese, damit sie selbst entscheiden kann, was sie wann und wie bevorzugt. Selbständigkeit ist wichtig für das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität. Wenn die Gefahr besteht umzufallen, dann passe entweder die Übungen entsprechend an, oder stelle ihr Stühle hin, damit sie sich festhalten kann. Ein Stuhl rechts und einer links geben mehr Sicherheit. Achte darauf, das die Stühle nicht gleich kippeln, wenn man sie etwas ungeschickt nutzt. Nur wer Herausforderungen annimmt, kann daran wachsen.

Vermittle ihr das Wissen wie sie mit Yoga weiter kommt und vor allem, das sie das selbst in der Hand hat. Dazu gehört besonders, dass sie lernt in und nach jeder Übung nach innen zu spüren, um herauszufinden ob diese Übung in diesem Moment, so wie sie ist passt, oder ob sie abgeändert werden sollte.

Du bist ihr Coach, ihr Wegbegleiter. Du hast u.a. im Rahmen der Selbstwahrnehmungsübungen in der Yogatherapie-Ausbildung erlebt, geübt und gelernt wie das mit dem Erspüren des richtigen Weges geht. Gib diese Erfahrung nun weiter.

Die Menschen mit körperlicher Behinderung die ich begleitet habe, waren immer sehr angetan davon, das jemand mit ihnen diesen Weg geht. Es gibt anscheinend viel zu wenig Angebote in dieser Richtung.

Bei sehr schweren Behinderungen kommen die einfachen Atemübungen übrigens ganz besonders gut an.